Jahrelang saß Tatjana Mennig in einem Bürojob fest, der sie todunglücklich machte. Heute arbeitet sie erfolgreich als selbstständige Katzenpsychologin und hat mehrere Bücher veröffentlicht. Ein beachtlicher, aber holpriger Weg.

Im Mutmach-Interview erzählt Tatjana, wie sie sich in wenigen Jahren ihre Selbstständigkeit aufgebaut hat. Sie berichtet von Hürden und Selbstzweifeln, aber auch von wichtigen Erkenntnissen, Strategien und Glücksmomenten. Außerdem verrät sie ihre besten Tipps für andere Selbstständige und Unternehmer:innen.

Los geht’s! 🙂

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Tatjana, erklär doch selbst noch mal, was Du machst!

Ich helfe eigentlich bei allen möglichen Katzenproblemen, die auftauchen können. Aber fast noch lieber berate ich Menschen, die überlegen, sich eine Katze anzuschaffen oder die überlegen, sich eine zweite Katze anzuschaffen. Ob ja, ob nein, und wenn ja, welche. Das finde ich immer ganz toll, wenn ich nicht erst helfen darf, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Aber den überwiegenden Teil meiner Arbeit macht tatsächlich aus, dass ich verzweifelten Katzeneltern dabei helfe, die Harmonie wieder herzustellen.

Wie bist Du denn zu diesem Beruf gekommen? Das ist ja nun kein Beruf, den man an jeder Häuserecke sieht.

Mutmach-Interview mit Tatjana Mennig

Das stimmt allerdings. Ja, das war bei mir vielleicht ein bisschen anders als bei anderen, und zwar war ich zu der Zeit noch mit meinem ersten Mann verheiratet. Ich habe inzwischen einen neuen. Und mein erster Mann, der hatte zu der Zeit eine ganz starke Katzenallergie entwickelt. Nachdem dann unser letzter Kater gestorben war, konnten wir keine neuen Katzen mehr haben. Das war für mich ganz schrecklich.

Ich habe dann durch Zufall davon gehört, dass es Katzenpsychologen gibt. Da dachte ich mir, Mensch, das wäre doch vielleicht eine Möglichkeit, doch wieder mit Katzen zu tun zu haben und vielleicht ja sogar auch damit Geld zu verdienen. Ich war nämlich zu der Zeit in meinem erlernten Beruf todunglücklich und wusste aber nicht so recht, was ich stattdessen machen könnte.

Ja, und so kam das dann. So habe ich mich dann darüber informiert und habe dann schließlich auch eine Ausbildung gemacht an der ATN in der Schweiz. Und ja, hier bin ich nun.

Was ist dein alter Beruf, in dem du so unglücklich warst?

Ich bin gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte.

Was komplett anderes.

Was komplett anderes, genau. Ich wollte eigentlich nach der Schule gerne Tierärztin werden, aber ich komme aus Hamburg. Und das konnte man halt nur in Hannover studieren. Ich glaube, das ist auch immer noch ähnlich, dass es in Hannover und noch irgendwo anders angeboten wird, aber das war es dann auch.

Und ich war damals so, also extrem introvertiert und ängstlich und hatte mir nicht vorstellen können, ganz alleine in eine fremde Stadt zu gehen. Und dazu kam dann auch noch die Sache mit den Tierversuchen. Also das Studium der Tiermedizin, das findet, glaube ich, überwiegend in Schlachthöfen statt. Und das fand ich irgendwie alles, nein, das passte irgendwie alles nicht.

Also der Weg zu meinem Traumberuf war mir doch zu steinig. Und ich hatte einfach keine bessere Idee. Und meine Mutter, die ist Steuerfachgehilfin, und die sagte: „Mensch, guck Dir das doch mal an beim Rechtsanwalt. Vielleicht gefällt Dir das.“ Dann habe ich mir das angeguckt. Und der gefiel mir jetzt nicht so, aber ich bin irgendwie hängengeblieben, weil ich halt keine bessere Idee hatte, was ich mit meinem Leben anfangen kann.

Und seit wann bist Du jetzt Katzenpsychologin?

Ich bin jetzt seit 2008 Katzenpsychologin.

Wie hat denn Dein Umfeld reagiert, als Du gesagt hast, Du gibst Deinen sicheren Job auf und machst was Neues?

Mit völligem Unverständnis. Ich muss allerdings auch dazu sagen, ich habe das mit der Katzenpsychologie lange Jahre nebenbei gemacht, weil ich nie genug Beratungen hatte, um wirklich davon leben zu können.

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Ich habe mir dann einen Coach gesucht, weil mich das irgendwie frustriert hat, weil ich auch immer weniger Lust auf meinen alten Beruf hatte und immer das Gefühl hatte, die Zeit, die ich hier jetzt im Büro sitze, die ist irgendwie total verschwendete Lebenszeit. Ich könnte so viel Sinnvolleres damit anfangen. Und dieser Coach, der sagte dann: „Hm, also ich glaube, das wird schwierig, jetzt kurzfristig so gut zu verdienen, dass Du Deinen Job kündigen kannst. Versuch es doch mal mit Katzen-Sitting.“ Ich wollte es erst gar nicht, habe dann aber gesagt: „Na gut, ich versuche das mal.“

Und ja, was soll ich sagen? Also in einer Großstadt wie Hamburg werden Leute, die Katzen im Urlaub bei denen Zuhause betreuen, händeringend gesucht. Ich glaube, es hat ein gutes halbes Jahr gedauert, da konnte ich dann meinen Job tatsächlich kündigen. Das war 2017, Anfang 2017.

Ich habe mit vielen Leuten darüber gesprochen. Und alle haben gesagt: „Bist du bescheuert? Das ist doch total unsicher und so ein Aufwand.“ Also man ist natürlich sehr viel unterwegs als Katzensitter. Es hat eigentlich keiner verstanden.

Ich weiß noch, mein Chef damals, der war sehr flexibel. Ich bin dann auch immer öfter morgens später gekommen und er hat immer gesagt: „Ach, wissen Sie, Frau Mennig, das ist mir nicht wichtig, wann Sie hier aufschlagen. Hauptsache die Arbeit wird erledigt.“ Da habe ich Riesenglück gehabt. Ganz lieben Dank auch noch mal an meinen ehemaligen Chef an dieser Stelle.

Aber irgendwann kam der Moment, wo er sagte: „Also Frau Mennig, Sie wissen schon noch, dass das hier Ihr Hauptjob ist?“ Und da sagte ich dann zu ihm: „Nein, ist es nicht mehr. Ich verdiene jetzt tatsächlich mit der Selbständigkeit mehr als hier in dem Job.“ Also ich muss dazu sagen, es war ein Halbtagsjob.

Und ja, das war dann so der Moment, wo ich eben gesagt habe: „Ich muss mich jetzt auch langsam entscheiden. Ich schaffe das nicht mehr beides.“ Ich habe dann, also sehr lange vorher, gesagt, dass ich ihn verlassen werde. Das war auch ganz furchtbar. Das war wirklich ein toller Chef, aber ich habe es keine Minute bereut. Ich habe zwar wirklich Schiss gehabt. Also mir ging es auch gar nicht gut in der ersten Zeit, als dann das regelmäßige sichere Einkommen wegfiel. Wobei, es ist da auch nur vermeintlich sicher. Man kann ja auch einen Angestelltenjob verlieren.

Mein Umfeld war auch erstaunt, dass es tatsächlich funktioniert hat. Und jetzt ist es mittlerweile so. Wir sind 2019 aus Hamburg weggezogen nach Schleswig-Holstein. Und ich mache jetzt keine Sittings mehr, weil es mir tatsächlich zu viel wurde. Also ich habe gemerkt, ich habe zu wenig Zeit für Beratung gehabt. Jetzt mache ich wirklich nur noch die Beratung.

Das ist natürlich schon so, dass da auch ein großer Teil meines Einkommens plötzlich weggebrochen ist. Ich bin jetzt wieder so in der Situation, wo viele sagen: „Mensch, das ist alles so unsicher. Such Dir doch wieder einen Job.“ Aber ich weiß, wenn ich eins nicht will, dann ist es das, mir wieder einen Job zu suchen.

Wie begegnest Du Leuten, die Dir Zweifel entgegenbringen?

Ich habe anfangs noch versucht, sie zu missionieren. Ich kenne, bis auf meinen Mann, niemanden, der seinen Job liebt, der wirklich gerne dahin geht morgens. Ich kenne eigentlich fast nur Leute, die immer Montag sagen: „Scheiße, wieder Montag.“ Und die Freitag sagen: „Juhu, endlich Wochenende.“

Anfangs habe ich sehr oft gesagt: „Überleg doch mal, wie happy bist Du denn eigentlich mit dem, was Du da machst? Und wie viel Zeit verbringst Du im Grunde genommen mit einer Sache, die Du gar nicht machen möchtest?“ Und fast alle haben gesagt: „Ja, es stimmt schon. Und ich beneide Dich ja auch, aber für mich wäre das nichts. Ich brauche einfach diese Sicherheit.“

Mittlerweile denke ich mir, jeder muss selber sehen, wie er glücklich wird. Und ich weiß, ich werde nicht glücklich mit einem Angestelltenjob trotz des tollen Chefs und trotz dieses entspannten Jobs. Also ich war ja schon fast 50, als ich meinen Job aufgegeben habe. Und ich war mittlerweile auch wirklich gut in meinem Job und konnte auch ein großes Arbeitspensum relativ entspannt bewältigen. Und trotzdem hatte ich immer das Gefühl, ich verschwende da einfach meine Zeit. Ich langweile mich zu Tode.

Das ist eben auch dieser Riesenunterschied zwischen Angestelltsein und Selbständigsein. Die Selbständigkeit ist ein großes Abenteuer. Und es ist mal so und mal so. Also mal bin ich wirklich himmelhochjauchzend und der glücklichste Mensch der ganzen Welt. Und manchmal denke ich so, oh Mann, es ist so anstrengend, Du musst immer am Ball bleiben.

Gerade als Katzenpsychologin musst Du Dir immer wieder Sachen überlegen, wie Du Kunden findest, weil es einfach noch sehr unbekannt bei uns ist. Das ist schon ein hartes Brot, muss ich sagen, aber trotzdem macht es mich total glücklich. Denn wenn ich jemandem helfen kann, dann ist das unbezahlbar. Dann weiß ich wirklich, was ich geleistet habe. Und ich weiß, ich bin nicht austauschbar. Niemand macht das so wie ich. Und das ist einfach großartig.

Ich kann das alles total nachvollziehen, was Du sagst. Also, wenn Dein Umfeld Dich nicht unterstützt hat, hast Du Dir dann irgendwen gesucht? Es gibt ja zum Beispiel Netzwerktreffen und so weiter. Oder hast Du dann einfach gesagt: „Okay, ich mache jetzt einsam und verlassen in meinem stillen Kämmerlein?“

Nein, also ich bin auch von Selbstzweifeln geplagt die ganze Zeit, also schon immer, seitdem ich mich erinnern kann. Und das packe ich nicht allein. Ich brauche immer jemanden, der mir so ein bisschen auf die Schulter klopft und der sagt: „Guck doch mal, was du schon alles geschafft hast.“ Das vergesse ich nämlich immer sehr gerne.

Katzenpsychologin Tatjana Mennig
Katzenpsychologin Tatjana Mennig

Ich arbeite eigentlich mehr oder weniger immer mit einem Coach zusammen, bin jetzt aber gerade dabei, so ein bisschen von dem Einzelcoaching wegzugehen und so Mastermind-Gruppen zu suchen. Ich habe jetzt gerade ziemlich frisch zwei Kolleginnen, mit denen ich mich regelmäßig virtuell treffe. Und ich merke, das hilft mir wirklich ungemein, wenn wir uns gegenseitig unterstützen, uns gegenseitig von unseren Erfolgen erzählen. Da ist zum Glück auch null Konkurrenzdenken, sonst würde ich es, glaube ich, nicht machen.

Ich weiß, es gibt viele Menschen, auch in meinem Umfeld, gerade mein Mann ist da sehr extrem, der sagt: „Was Du schon an Geld in Coachings gesteckt hast. Wenn Du das alles gespart hättest, dann hättest Du jetzt gar keine Sorgen mehr. Wenn Du mal einen Monat hast, wo es nicht gut läuft, könntest Du locker von Deinem Ersparten leben.“

Und ich sage dann immer: „Auf der einen Seite hast Du recht. Aber auf der anderen Seite wäre ich dann jetzt auch gar nicht da, wo ich jetzt bin.“ Also ohne Unterstützung wäre ich ganz schnell wieder im Job zurückgewesen. Hat mein Chef auch gesagt: „Frau Mennig, wenn es nicht so läuft, sind Sie jederzeit herzlich willkommen, Ihren Job wieder anzunehmen, Ihren alten.“ Also wenn ich da niemanden gehabt hätte, der da gesagt hätte: „Ich glaube an Dich und das wird“, dann wäre ich schon wieder zurückgegangen.

Wenn ich das richtig verstanden habe, warst Du sehr lange nebenberuflich selbstständig?

Genau.

Das zehrt ja wahrscheinlich auch ein bisschen an den Nerven, oder? Wenn Du Dich Jahr um Jahr abrackerst und Du merkst, okay, es reicht halt alleine nicht. Gab es Momente, wo Du überlegt hast, das alles hinzuschmeißen?

Immer wieder. Ich habe ja vormittags im Büro gearbeitet. Und das passiert ja manchmal, dass spätabends noch jemand anruft und auf den Anrufbeantworter spricht. Und ich konnte dann erst nach meinem Job am nächsten Tag zurückrufen. Und wenn mir dann jemand gesagt hat: „Ach, lieb, dass Du zurückrufst, aber ich habe jetzt schon jemand anderen„, das war immer richtig, richtig bitter für mich.

Also, wenn einem die Leute eh nicht die Bude einrennen und man … Also, gerade die ersten Jahre war es eigentlich immer so, dass alles, was ich verdient habe, auch direkt wieder rausfloss in Fortbildung, in Fachbücher, in Profifotos und all solche Sachen. Und das fand ich ganz extrem anstrengend.

Ich bin sowieso jemand, ich bin jetzt nicht so ein Energiebündel. Ich brauche sehr viel Schlaf. Und ich brauche sehr viel Ruhe. Meine Ressourcen sind da wirklich begrenzt. Ich hatte von Anfang an eigentlich Probleme, das dann so aufzuteilen und neben dem Job noch die Energie aufzubringen, mich wirklich intensiv um die Selbständigkeit zu kümmern.

Ich weiß noch, ich hatte mal eine Phase, da hatte ich sehr viele Anfragen. Da hatte ich teilweise dann am Nachmittag nach meinem Job noch zwei Hausbesuche. Und am Abend musste ich schon aufpassen, dass ich die Fälle nicht durcheinanderbringe. Und da habe ich gemerkt, das haut irgendwie auch nicht hin. Das ist zwar toll, richtig gut Geld zu haben und halt diese tausend Euro aus dem Job immer sicher zu haben, auch wenn ich krank bin und so. Aber ich bin da nicht der Typ für.

Ich bin, muss ich sagen, so ein Ganz-oder-gar-nicht-Typ. Und ich bin sehr froh, dass ich mit Unterstützung diesen Mut gefunden habe zu sagen: „So, ich entscheide mich jetzt für eins von beiden und ziehe das durch.“ Da bin ich wirklich glücklich, weil ich glaube, sehr lange hätte das auch nicht mehr funktioniert, beides zu machen.

Ich finde auch, dass das eine sehr mutige Entscheidung ist. Ich glaube auch, dass die mutigen Entscheidungen einen im Leben am weitesten bringen. Die gehen natürlich mit einem Risiko einher, aber wenn wir uns so die großen, bekannten Persönlichkeiten der Weltgeschichte ansehen, die wären nicht da, wo sie sind, wenn sie nicht auch mal ein Risiko eingegangen wären.

Absolut.

Wenn du zurückdenkst an die Jahre, die Du das jetzt schon machst, an welche besonders schönen Momente erinnerst Du Dich da?

Also die schönsten Momente sind eigentlich immer bei solchen Fällen, wo ich am Anfang gedacht habe, da stehen die Chancen nicht gut. Wenn es dann doch funktioniert und die Katzen mich eines Besseren belehren, im positiven Sinn, das sind immer so die allerschönsten Momente.

Hast Du da ein Beispiel?

Tatjana Mennig stiftet als Katzenpsychologin Frieden.
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Ja, das sind eigentlich immer solche Fälle, wo Katzen sich nicht vertragen. Es gibt bei Katzen so ein Phänomen, dass auch welche, die schon seit Jahren friedlich zusammenleben, urplötzlich einen richtigen Krieg haben zwischen einander.

Ich habe es einmal erlebt, dass eine Zusammenführung überhaupt nicht funktioniert hat bei mir Zuhause. Und gerade kürzlich habe ich es erlebt, dass unsere Katzen Schwierigkeiten miteinander hatten, nämlich nach unserem Umzug. Das hat unsere eine Katze so gestresst, dass sie ihre Mitkatze nicht mehr ertragen hat. Und das hat mich wieder daran erinnert, wie es den Menschen geht, denen das passiert ist. Das ist wirklich furchtbar. Es ist ganz, ganz schlimm.

Solche Menschen rufen mich dann an und sagen: „Ich bin wirklich am Ende. Und ich möchte sie doch beide behalten. Ich möchte keine weggeben. Aber das ist so schrecklich. Die prügeln sich hier.“ Wenn wir es dann schaffen, dass diese Katzen wieder zueinander finden und wieder genauso schön miteinander leben wie vorher und die Menschen mir dann berichten, wie sich das anfühlt für sie. Das ist so toll. Das könnte auch kein Geld der Welt irgendwie aufwiegen.

Wenn ich mir vorstelle, ich hätte jetzt einen Angestelltenjob und würde 5000 netto im Monat verdienen und hätte aber irgendwie keinen Bezug zu dem, was ich da eigentlich mache. Das würde ich sofort hinschmeißen, um das hier wieder erleben zu dürfen. Das ist wirklich großartig.

Ich habe auch so eine ganz komische Eigenart, die ich selber nicht verstehe. Ich bin fast schon phlegmatisch manchmal. Und ich habe das gerade jetzt so in der dunklen Jahreszeit ganz oft, bevor ich dann einen Termin habe, bevor ich dann los muss, dass ich so denke: „Oh, jetzt los? Oh nein. Ich habe keine Lust.“ Sobald ich dann im Auto sitze, ist das weg. Und wenn ich dann bei dem Termin war und wieder nach Hause fahre, dann bin ich so happy, dass ich diesen Termin machen durfte. Das ist wirklich cool. Das ist super. Das hatte ich beim Angestelltenjob nie. Da hatte ich auch keine Lust loszufahren und war irgendwie nicht befriedigt, wenn ich wieder nach Hause fuhr.

Aber das ist doch auch ein Zeichen dafür, dass da bisher alles gut gelaufen ist.

Ja, auf jeden Fall. Wie gesagt, es gibt so diese Momente, wo ich denke: „Oh, wenn jetzt nächsten Monat nicht mehr Anfragen kommen, dann muss ich mich echt einschränken finanziell.“ Aber das ist es alle Mal wert, auf jeden Fall.

Wie gehst Du damit um, wenn Selbstzweifel auftauchen? Was machst Du, damit Du nicht in ein Loch abrutschst? Oder falls es schon zu spät ist und Du schon in einem Loch bist, um Dich wieder rauszuholen?

In leichten Fällen drehe ich einfach ganz laut powervolle Musik auf. Das zieht mich sofort raus. Und wenn es nicht mehr funktioniert, weil ich schon zu lange gewartet habe, dann nehme ich mir einfach frei.

Dann sage ich: „Ach komm, heute kriege ich eh nichts mehr gebacken. Heute habe ich auch keine Termine mehr.“ Und dann setze ich mich ins Auto und fahre ans Meer. Das geht jetzt zum Glück. In Hamburg war das schwierig, war immer eine etwas längere Tour. Aber jetzt ist das wirklich eine relativ kurze Autofahrt. Und da lasse ich mir einfach den Wind um die Nase wehen und gucke aufs Meer und beobachte die Möwen.

Mir hilft das auch immer sehr, Tiere zu beobachten, weil denen geht es ja ganz ähnlich. Die haben ja auch keine Garantie, dass sie morgen genug zu futtern finden, um satt zu werden. Und trotzdem leben die so fröhlich vor sich hin. Also, ich bilde mir ein, dass sie fröhlich sind, weil sie einfach frei sind. Und das hilft mir sehr.

Wenn das auch nicht hilft, dann wende ich mich an jemanden aus meinem positiven Umfeld, also andere Selbständige oder halt meinen Coach und heul dann mal so richtig, dass es alles ganz schlimm ist und dass ich die Allerärmste bin und dass ich nie auf einen grünen Zweig kommen werde und dass es eine falsche Entscheidung war, meinen Job zu kündigen. Und die norden mich dann wieder ein.

Das funktioniert immer. Es gibt auch mal so Phasen, wo es nicht sofort funktioniert. Aber ein paar Tage später, allerspätestens, ist dann alles wieder gut. Und dann habe ich auch wieder neuen Mut und neue Energie, weiterzumachen.

Ich höre da raus, dass Du Dir auch einfach immer selbst ein bisschen Zeit gibst, wenn Du das Gefühl hast, dass es nötig ist?

Ja. Und das, muss ich sagen, habe ich mühsam gelernt in den letzten Jahren. Gerade als das so kurz davor war, dass ich meinen Job kündigen konnte, da habe ich ganz extrem viel gearbeitet. Also mit Job hatte ich teilweise 80-Stunden-Wochen und auch eben das Wochenende durchgearbeitet als Katzensitterin.

In dieser Zeit habe ich es total verlernt, mich einfach mal hinzusetzen und gar nichts zu machen. Also musste ich mir das wirklich mühsam wieder aneignen.

Ich habe schon 2018, als wir hier unser Haus gebaut haben, die Sittings ganz stark zurückgefahren, weil ich mir schon gedacht hatte, dass das eng wird, wenn man dann auch immer mal zum neuen Haus fahren muss und da gucken muss und die Handwerker versorgen muss und so.

Da habe ich gemerkt: Mensch, ich kann das gar nicht mehr. Also mal auf dem Sofa sitzen und auch nur eine Folge von irgendeiner Serie gucken oder so, konnte ich nicht mehr. Spätestens nach zehn Minuten wurde ich unruhig und habe gedacht: „Oh nein, das kannst Du jetzt nicht machen. Du musst Dich kümmern. Du musst was tun.“ Und das war ein ziemlich hartes Brot, da wieder hinzukommen.

Inzwischen schaffe ich auch schon mal wieder einen ganzen Spielfilm, ohne aufzustehen und ohne mein Handy in die Hand zu nehmen. Und ich bin jetzt gerade dabei, mit Meditation anzufangen. Das, merke ich, fällt mir auch noch extrem schwer. Also mal fünf Minuten einfach nur dasitzen und versuchen, an nichts Bestimmtes zu denken. Das ist, boah, richtig heftig.

Meine Katzen helfen mir da allerdings sehr. Wir haben jetzt auch so ein Ritual hier im neuen Haus. Wenn ich morgens aufstehe, dann mache ich die Kaffeemaschine an. Und dann setze ich mich vor unsere Terrassentür auf den Boden und gucke raus. Und dann kommen entweder beide Katzen oder eine. Und dann sitzen wir da zusammen und gucken raus. Das hilft mir sehr. Also, zumindest dann dazusitzen, bis der Kaffee durchgelaufen ist.

Das ist schon ganz toll. Ich glaube, das ist auch extrem wichtig, gerade wenn man am Anfang ist von der Selbständigkeit und versucht, sich da was aufzubauen. Dann hat man immer das Gefühl, ich muss was machen. Ich kann mir das nicht leisten, jetzt hier mal eine halbe Stunde zu sitzen. Und das kann wirklich ganz übel enden, habe ich festgestellt. Es ist ganz wichtig, finde ich, sich auch mal zu zwingen, wenigstens einmal am Tag eine halbe Stunde, auch mal eine Stunde, sich Zeit nur für sich zu nehmen.

Das habe ich sträflich vernachlässigt. Und die Quittung habe ich bekommen. Also mir ging es gesundheitlich, körperlich gar nicht gut 2018. Und dadurch, dass dann nach unserem Umzug eben auch für mich nur noch sehr wenig zu tun war, weil ich nicht mehr ständig losfahren musste, bin ich jetzt auch wieder fit. Aber es hat gedauert.

Also, das würde ich jetzt jedem empfehlen, der noch am Anfang steht: „Pass bloß auf Dich auf, dass Deine eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen.“

Das ist etwas, das mir ganz viele Leute erzählen: Dass sie überzogen haben, dass sie sich nicht trauen, mal einfach nichts zu machen und auf sich zu achten; und dass sie dann irgendwann die Quittung dafür kriegen. Im Sinne von: Sie können sich überhaupt zu nichts mehr aufraffen. Das scheint ein echt weit verbreitetes Problem zu sein. Also, liebe Leserin: Mach doch jetzt mal eine halbe Stunde Pause!

Genau.

Wenn Du Dich selber noch mal in der Gründungsphase treffen würdest, quasi Dein jüngeres Ich. Was würdest Du Dir da mit auf den Weg geben?

Einmal das mit dem Abschalten. Und ich würde mir sagen: „Vertrau einfach. Vertrau darauf, dass das alles genau so kommt, wie es kommen soll und versuche nicht, irgendwas übers Knie zu brechen.“

Es ist schon wichtig, dass man auch mal diese sogenannte Komfortzone verlässt, dass man sich auch mal traut, Dinge zu machen, vor denen man wirklich Schiss hat.

Ich weiß noch, ich habe vergangenen Sommer mein allererstes Webinar gehalten. Und es war ganz schrecklich. Schon seit Jahren wollte ich das tun, habe mich aber nie getraut. Und dann hatte ich einen Coach, der gesagt hat: „So, Du machst jetzt einen Termin fest, zack. Und Du verkündest das überall.“

Und das habe ich auch gemacht. Ich dachte, na ja, ist ja noch eine Weile hin. Und an dem Tag, wo dann abends das Webinar stattfinden sollte, war ich echt ein Wrack. Ich konnte überhaupt nicht arbeiten. Ich bin dann auch erstmal einfach rausgegangen, bin im Wald hier spazierengegangen. Ich dachte: „Oh Gott, und wenn ich den Faden verliere? Oder wenn ich nach zehn Minuten durch bin, weil niemand irgendwie was gefragt hat oder so? Was mache ich bloß? Es ist so peinlich.“ Das war schlimm.

Wie Tatjana Mennig verzweifelten Katzenhaltern hilft

Und ich habe festgestellt, gerade die Dinge, wo man am meisten Angst vor hat, sind dann die, die einem besonders gut liegen. Ich habe noch das erste Webinar, glaube ich, fünfmal geübt, habe mir ein Skript gemacht, und ich weiß nicht, was alles. Es war so eine Webinar-Reihe. Das letzte Webinar, dafür habe ich dann am selben Vormittag die Folien erstellt und habe nichts weiter vorbereitet. Und es war super. Also, ich habe gemerkt, das ist genau mein Ding. Das gefällt mir. Das fällt mir leicht. Und das mögen die Leute auch.

Das wäre so was, was ich am Anfang nicht gedacht hätte. Am Anfang habe ich schon gedacht: „Nein, ich mache nichts, womit ich mich nicht wohlfühle.“ Da haben mir auch viele Leute gesagt: „Zwing Dich nicht zu irgendwas, was Du nicht möchtest.“ Aber das würde ich jetzt auf keinen Fall mehr sagen, sondern ich würde sagen: „Trau Dich ruhig. Und wenn es schief geht, ja Gott, dann geht es halt schief. Dann weißt Du, das ist nicht mein Ding. Und entweder, Du versuchst es doch noch mal, weil Du denkst, irgendwie möchte ich das. Oder Du sagst halt: ‚Okay, hake ich ab. Ich versuche was anderes.'“

Ich sehe das jetzt bei meiner kleinen Tochter. Das Laufen hat sie so lange geübt. Sie ist so oft hingefallen und wieder aufgestanden und wieder hingefallen und wieder aufgestanden. Und ich habe ihr dabei zugeguckt und dachte mir, wir Erwachsenen haben das an irgendeiner Stelle verloren. Wir stehen vor neuen Herausforderungen. Und wir denken uns, es muss sofort perfekt sein. Wir stellen diesen Anspruch an uns selbst. Und wenn es dann beim ersten Mal nicht klappt, dann sind wir enttäuscht. Und dann neigen wir manchmal dazu, zu sagen: „Das hat einmal nicht funktioniert. Deswegen machen wir es nicht wieder.“ Aber ich glaube, unsere Kinder machen es richtig: Einfach immer wieder aufstehen und noch mal. Und irgendwann rennt man dann.

Ja, genau. Ich glaube, ganz wichtig ist da auch, dass man eine Motivation hat, dass man weiß, warum man das möchte.

Ich denke mal, Kinder wollen einfach mit den Erwachsenen mithalten. Und das geht nun mal auf zwei Beinen besser als auf vier. Das habe ich auch so für mich festgestellt. Also, es hätte, glaube ich, nicht funktioniert, wenn ich irgendwas gemacht hätte, einfach nur, um nicht mehr angestellt zu sein, sondern um selbständig zu sein.

Das ist schon sehr wichtig, dass es was ist, wo ich eben diese unbezahlbaren Momente habe. Ich habe das auch manchmal, dass ich vor Rührung heule. Wenn ich dann so E-Mails oder Sprachnachrichten bekomme, wo die Leute mir erzählen: „Mensch Tatjana, Du hast echt unser Leben gerettet“, im übertragenen Sinne.

Wenn das nicht wäre …Ich habe zum Beispiel eine Freundin. Das ist eine ehemalige Kundin von mir. Die ist auch selbständig. Die macht Telefonakquise und verdient viel mehr Geld als ich. Aber ich weiß genau, das könnte ich nicht. Wenn mir da zwei Leute sagen würden: „Jetzt hören Sie mal auf, mich zu nerven. Ich will das nicht. Verstehen Sie das doch endlich“, dann würde ich sofort hinschmeißen. Weil die Erfolgserlebnisse, die ich hätte, die würden mich nicht so berühren wie die, die ich jetzt habe.

Das finde ich auch sehr wichtig, dass man rausfindet, was ist das, was mich so berührt, wo mir das Herz aufgeht, wenn ich da erfolgreich bin.

Also, ich bin natürlich auch nicht immer erfolgreich. Ich habe auch diese Fälle, die wirklich aussichtslos sind. Wenn zum Beispiel zwei Katzen beschließen, mit der will ich nicht unter einem Dach leben. Dann können wir uns da auf den Kopf stellen. Das wird nicht funktionieren. Das ist natürlich immer ganz schlimm, aber das gibt es eben auch.

Damit muss man dann auch fertig werden können. Und das könnte ich, glaube ich, nicht, wenn das ganze Thema Katzenpsychologie für mich mehr so ein Mittel zum Zweck wäre, einfach, um mein eigener Chef zu sein, aber ich hätte jetzt mit Katzen nicht so viel am Hut oder so. Oder ich hätte auch nicht so viel Freude daran, Menschen zu helfen. Dann wird das nicht funktionieren.

Vielen Dank für das Interview, Tatjana!

Weitere inspirierende Mutmach-Interviews habe ich zum Beispiel mit der Spirituellen Mentorin Eleni Iatridi und der Sketchnote-Meisterin Susanne Speer geführt. Schau doch mal rein! Und wenn Dir dieses Interview gefallen hat, freuen Tatjana und ich uns über Deinen Kommentar. 🙂

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